1.2379, oder an anderen Orten D 2 genannt ist mitnichten ein "Schundstahl", ganz im Gegenteil. Er ist wie viele seiner Brüder ein Ergebnis auf der Suche nach hochzähen in der Industrie immer gesuchten Stanzenstählen. Dort macht er auch eine gute Figur, dieses Material ist, sagen wir einmal ganz salopp, aber nicht einfach deshalb als Messerklinge super weil es als Industriestanzenklinge super ist. Eine Erklärung wären natürlich die Primärkarbide, eine andere eventuell die Problematik beim Härten, die schon Uddeholm bei ihrem eigenen 1.2379 einräumt, eine eventuelle Instabilität an der Schneide ab einem gewissen Winkel, und natürlich noch einige wichtige Gründe die man hier und da nachlesen kann.
Das wäre eine Sicht der Dinge, aber wir sind fair und beschauen uns die Sache auch aus anderen Blickwinkeln.
Da sind etliche Anwender, die besitzen Messer aus diesem Stahl und sind froh damit, entgegen aller metallurgischer Erklärung, daß es sich um einen Stahl handelt der eben nicht zur Klinge taugen soll. Da stellt sich doch die Frage, wie sich das verhält und ob alle Stahlgelehrten sich irren oder ihre "Atomschieberei " doch nicht so richtig ausgerechnet haben. Das ist natürlich alles Unsinn, ein Streit über 1.2379 ist nicht nötig, er ist wie jeder andere Stahl, er hat gewisse Nachteile, aber dafür auch gewisse Vorteile. Natürlich kann er aufgrund seiner Gefügestruktur nicht das leisten was ein Rasiermesserstahl leistet, aber im Rahmen seiner Möglichkeiten ergibt er durchaus Klingen die zufriedenstellend ihre Arbeit tun, wieso auch nicht, es ist härtbarer Stahl. Aus jedem härtbaren Stahl kann man eine Klinge machen, man kann auch jede Art Klinge daraus machen mit jedem möglichen Anschliffwinkel, es wird sich allerdings dann herausstellen, dass jetzt z. B. 1.2379 bei verschiedenen Anschliffwinkeln und den damit verbundenen Arbeiten nicht die gleiche Leistung bietet wie andere für diese Arbeiten optimierte Stähle.
Er bleibt, trotz aller Diskussionen ein Stahl, und es wird ihm nichts anderes übrig bleiben als sich auch wie ein ebensolcher zu verhalten. Nimm ihn, steck ihn in die Glut eines Schmiedefeuers, lass ihn dort "hellgelbrot" werden und schreck ihn in Öl ab, ein oder zwei Mal anlassen auf gut 200 Grad und er ist gehärtet. Das ist natürlich ein Verfahren dass der vorgegebenen Wärmebehandlung für diesen Stahl nicht entspricht um ein zuverlässiges Arbeitsergebnis zu erhalten, im Gegenteil. Aber es zeigt seine Natur, sein Gefüge erstarrt ebenso in einem Zwangszustand wenn er erwärmt und plötzlich abgekühlt wird wie bei jedem anderen stählernen Genossen, da hat er sich zu fügen, egal was sein Gefüge dazu sagt.
Vielleicht ein Marathonläufer der nie olympisches Gold erreicht, aber er erreicht sein Ziel.
Die niedrig legierten Kaltarbeitsstähle sind eine andere Liga, einst gruppiert in zäh, zähhart und hart mussten sie fast für alles herhalten was man aus Stahl machen wollte, erst die Möglichkeit bestimmte Legierungen zuzusetzen haben für alle Zwecke optimierte Stähle hervorgebracht. Ein C60 gibt zwar einen prima Wellenstahl ab, aber als Triebwerksschalenstahl wird er eine eher unglückliche Figur im Gegensatz zu S30V, um einen zu nennen, machen. Als Klingenstähle sind diese Kandidaten aber immer noch eine Betrachtung wert, sie sind zuerst einmal gut zu verarbeiten, man erreicht bereits mit 0,6 % Kohlenstoffansteil eine mögliche Härte, die im Prinzip fast nicht mehr gesteigert werden kann, die Schneide lässt sich sehr fein ausschleifen und ist absolut schockbelastbar. Mit steigendem Kohlenstoffgehalt werden die Schneiden belastbarer, bzw. standfester, selektiv gehärtet im Prinzip die Idealkonstellation, wenn da nicht die Korrosion wäre. Durch das Fehlen von Chrom in ausreichendem Maß, nämlich cirka 14 % werden Klingen rosten, je weniger Chrom desto schneller. Aber auch hier gilt die Betrachtungsweise von allen Seiten, wir sind hier genauso fair bei bei 1.2379, der übrigens auch rostet.
Aus "einfachen" Stählen waren die Schwerter von Kelten und Franken ebenso wie die Klingen der alten Hethiter. Sie wußten nichts von Chrom, waren froh wenn ihre Schwerter überhaupt ausreichend Härte aufwiesen. Aber diese Schwerter ohne Chrom lagen zum Teil Jahrtausende in nassen Gräbern an den Seiten ihrer Herrn und man sieht heute noch was sie einst waren. Dabei, weil wir uns auch über Damast unterhalten haben, werden wir mitunter, wenn wir jemals ein solches Stück Schmiedearbeit aus vergangen Zeiten in der Hand halten können, feststellen, daß die Damastmuster von unglaublicher Kunstfertigkeit sind, Man kann noch tordierte Muster erkennen, ebenso gerade verlaufende aufgesohlte Bereiche und noch viel mehr, und das alles mit den damaligen Mitteln. Übrigens, lange bevor in Japan das erste Schwert über einen Amboss gezogen worden ist.
Wir unterhalten uns ja über den Stahl aus eigener Sicht besehen hier an dieser Stelle, aber damit folgen wir einer Suche die schon vor Jahrtausenden begonnen hat, dem idealen Schneidenstahl auf der Spur.
Viele Grüße
Roman
PS: Fast vergessen, Micha, man schwitzt übrigens beim Schmieden von Kalt- oder Warmarbeitsstahl ziemlich gleichmässig, egal was die Gelehrten sagen, 1.2379 zerbröselt übrigens nicht beim Schmieden, falsch und nicht gleichmässig erwärmt bricht er einfach ab, genau wie z. B. 1.2550, obwohl beide nicht viel miteinander zu tun haben, wenn sie auch Brüder sind, so ist es eben, alles fließt.