Ah, so einfach ist das? Das ist ja prima...
In unserem eigenen System und Land kommen seit langer Zeit Wertschöpfungs-Steigerungen fast ausschließlich den Vermögenden und den Besitzern von Firmen-Anteilen und Produktionsmitteln zugute - und trotz unmittelbaren Einflusses auf die Auswahl gewählter Repräsentanten und damit das Rechtssystem ebenso wie auf den Produktionsprozess hat sich oder wurde unsere eigene Gesellschaft so de-solidarisiert, daß wir völlig außerstande scheinen, direkt unter uns mehr Gerechtigkeit zu erzielen....Allgemeines Schulterzucken, in der vielzitierten globalsierten Gesellschaft haben wir uns offenbar ja auf Dauer damit abgefunden, daß Spekulationsgewinne und marode Staatsfinanzen durch eine schleichende Enteignung von Bevölkerungs-Vermögen gesichert und saniert werden und gleichzeitig mit Armuts-Renten immer riesigere Vermögen angehäuft werden....
Gleichzeitig soll die Welt gerechter werden und es den Leuten, die unter beschissenen Bedingungen in China Messer zusammenbauen, besser gehen, wenn wir diese Messer nicht mehr kaufen, sondern nur noch hier "gerecht" hergestellte und nur die, die wir brauchen....Fein, fein....
Erst einmal zum "Brauchen": Hat man schon probiert...Man braucht keine modischen Sachen, sondern kommt mit einheitlichen robusten blauen Anzügen prima hin, man braucht auch keinen Luxus, keine modernen Autos, keine dekadent-teuren Kulturveranstaltungen, jeder sollte mal ins Reisfeld, mehr braucht man wirklich nicht....Hat den Leuten nicht gefallen, weder mit dem Trabi noch mit der Kulturrevolution...wurde wieder abbestellt, weil schon Brecht / Weill bei aller Sympathie für diese Idee erkannt haben: Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm...
Übrigens würde unser gesamtes gesellschaftliches und wirtschaftliches System kollabieren, wenn wir konsequent nur noch konsumieren würden, was wir brauchen....wer das machen möchte, weil es "richtig" ist, darf gern die Hand heben.
Ansonsten bezweifele ich irgendwie, dass es den chinesischen Fabrikarbeitern besser gehen würde, wenn wir ihre Produkte nicht mehr kaufen. Es ist ihnen nicht besser gegangen, sie waren nicht freier, haben nicht mehr zu essen gehabt oder mehr verdient, als wir noch viel weniger ihrer Produkte gekauft haben. Sehr vielen geht es jetzt zumindest graduell besser als früher.Ärmere Länder, die weniger am Welthandel teilnehmen, sind im Regelfall eher noch korrupter und totalitärer als die anderen, und wer da Freiheit und Wohlstand für alle versprochen hat, hat sich im Regelfall dann nach ein paar Jahren auch nur den zwölften Bentley und ein goldenes Scheißhaus zugelegt...
Klar kann ich statt eines chinesischen dann ein US-Messer kaufen und damit den Löwenanteil der Wertschöpfung in einem System entstehen lassen, dessen Profiteure maßgeblich von der Ungerechtigkeit im Rest der Welt nutznießen. Den Entwicklungsländern, deren Fabrikarbeitern ich jetzt Gutes will, bleibt dann nur die Rohstoffzulieferung. Nur blöd, daß sie gerade durch niedrige Rohstoffpreise am meisten ausgebeutet werden....Normalerweise predigt man doch das genaue Gegenteil und will in diesen Ländern mehr Wertschöpfung, nicht weniger....
Es mag zynisch klingen, aber wenn ich nicht gleichzeitig eine grundlegende Umwälzung der wirtschaftlichen und politischen Ordnung in diesen Ländern herbeiführe, ist für das zitierte Kind mit den 2 Schüsselchen Reis in der Fabrik die wahrscheinlichste Folge meines Konsumverzichts der Wegfall der Reisration, nicht ein gerechteres System und mehr Einkommen. Und vor Einbindung in den Welthandel sind die Menschen, denen es jetzt in den Fabriken fraglos nicht so gut geht, in diesen Ländern schlichtweg in Massen verhungert.
Und NEIN, ich bin weit davon weg, hier den Raubtier-Kapitalismus zu predigen, und auch die bisherigen Versuche zur Weltrevolution fand ich im Ergebnis dann doch eher enttäuschend und ernüchternd. Ich kann hier auch keine tolle Lösung anbieten.
Aber in dem Vorbringen zum Konsumverzicht bei Produkten dieser Herkunft vermag ich jedenfalls auch keine Lösung zu sehen.
Sie scheinen mir eher darauf abzuzielen, daß man sich selbst sozial, verantwortlich und gerecht fühlt.
Ob das dann die gewünschten Resultate bringt, scheint mir aber so fraglich wie die Meinung mancher Träumerle, wir bräuchten ja gar keine Diesel-Lkw, weil man ebenso gut in unserer Lebens- und Wirtschaftordnung die Güter ja mit feinen schadstoffneutralen Lastenfahrrädern durch die Gegend juckeln könnte.
Am Ende nochmal zum Brauchen: Ich hab jetzt genug Messer für zehn- oder zwanzigmal soviele Jahre, wie mir wohl leider nur bleiben. Ich brauche keine mehr. Aber ich sehe immer wieder welche, die zu besitzen mir Vergnügen machen würde. Ich werde weiter welche kaufen, wie ich auch nicht meine Brötchen damit verdiene, mich zuweilen trotz Müdigkeit und Zipperlein durch ne lange Schicht zu quälen, sondern den Serrano-Schinken, den ich da drauflegen will....