wenn irgendwann in der Zukunft ein Buch über die Geschichte des Messers geschrieben wird, dann bekommen natürlich auch Firmen wie Strider, ER usw. ein Kapitel. Diese haben eigentlich erst diese Symbiose zwischen Tanto und Furniermesser zu einem neuen Messerkonzept gemacht.
Sie haben augenscheinlich Messerformen entwickelt die ihresgleichen suchen und ein gutes Maß Innovation kann man ihnen gar nicht absprechen. Das beweist wieder daß nicht nur Handwerk sondern auch Inspiration und irgendwo auch Kunst unsere Messer mit beeinflussen.
Das ist gut so, sonst hätten wir ja immer noch die Messerformen der alten Jungs aus Sumer und keinen Grund uns hier zu unterhalten.
Eigentlich will ich aber etwas zum Stahl schreiben, speziell zu den pulvermetallurgischen Stählen. Als Bob Loveless damit anfing pulvermetallurgische Stähle für seine Messer zu verwenden (ob andere es vor ihm taten weiß ich nicht) ging ein Ruck durch die Messerwelt. Das muß es sein, ich nehme mich gar nicht davon aus, Ausgang der siebziger schwappte das auch bis in die Provinz zu mir und ich dachte es tun sich neue Welten auf. Ich kann diese Stähle zwar schmieden, aber bin weit davon entfernt sie fachmännisch zu härten, also mußte ich auf die Wunderstähle verzichten und weiterhin den alten Krempel verschmieden.
Aber irgendwie erscheint mir das ganze nach all den Jahren auch nicht der Stein der Weisen zu sein. Bob Loveless, ich verneige mich natürlich vor dem Können und dem Lebenswerk dieses Mannes, hat vermutlich einen Stahl gesucht der das höchstmögliche Potential damals hatte, wieso auch nicht. 154CM ist ein Superstahl, gar keine Frage, alle seine Brüder im Geiste sind es auch. Gemessen an anderen Stählen ragten sie in einem Diagramm der Leistungsfähigkeiten weit heraus. Vor allem hatten sie hinsichtlich der Korrosionsbeständigkeit, rostfrei war schon immer ein Zauberwort, derart Muskeln zugelegt daß man anscheinend an ihnen nicht vorbeikommt.
Es muß einfach so sein, diese Superstähle (das ist keine Ironie) müssen hervorragendes Klingenpotential abgeben. Und das geben sie auch, Kritik war ohnehin immer schon unerwünscht, wer wollte schon etwas gegenteiliges von einem Messer hören daß mehrere hundert oder tausend Mark gekostet hat. Man hatte und hat sich immer schon gern arrangiert, wieso auch nicht.
Das letzte was man gerade noch so zuließ in den höherpreisigen Sphären war D2, als0 1.2379. Mit 12 % Chrom konnte er gerade noch so mithalten, wie ein alternder Läufer der mit jungen Burschen laufen soll. Die Zauberworte waren und sind pulvermetallurgisch, korrosionsfest, ultrastabil, rasiermesserscharf, hohe Härte und lange Schneidenstandzeit. Dabei konnte anscheinend keiner der alten Stähle mithalten und man mußte sich schon schämen ein Messer zu besitzen daß braune Fleckchen bekam.
Damit kann man leben, ich tue es in aller Bescheidenheit auch. Aber die Revolution frißt ja bekanntlich ihre Kinder. Irgendwann reichten diese Hochleistungsstähle auch nicht mehr, CPM war fast ein Kürzel für Eingeweihte, die Stähle dieser Firma Wundersachen.
Damit kann ich auch noch leben, gönne ich doch jedem was ihm Freude macht. Aber eine Sache fällt mir schwer zu akzeptieren, diese Stähle sollen das beste sein was einer Klinge widerfahren kann. Dem ist aber leider nicht so. Wir können uns jetzt ewig über große und kleine Karbide unterhalten, über Schneidkantenausbrüche bei PM-Stählen, Microsägenschneiden und und und .... Fakt ist und bleibt, diese Stähle sind weitgehendst korrosionsfest, sie erreichen bei richtigem Schliff Rasurschärfe und behalten über einen langen Zeitraum eine gute Arbeitsschärfe. Lassen wir jetzt ganz das Gespräch von feinen Schneiden außer Acht, das können diese Stähe nicht erreichen und irgendwo ist es auch nicht Sinn der Sache. Aber eines sind diese Stähle nicht, extrem stabil.
Das hört sich jetzt vermessen und ketzerisch an, aber jeder Stahl in dieser Dicke und mit diesem Rockwellgrad ist genauso stabil, letztendlich kann auch keiner einer Schiene die 7 mm dick ist und aus Baustahl besteht verbiegen. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, wenn man sie ein wenig höher härtet werden sie einfach instabil im Schneidenbereich, den Bereich einer feiner sehr harten Schneide ist ihnen verwehrt. Bis heute gibt es keinen Ersatz für ein Messer aus einem unlegierten Kohlenstoffstahl daß eine harte feine Schneide aufweist und auch noch über ausreichend Stabilität in der Matrix verfügt.
Ich wage einmal den Satz zu zitieren, Stahl ist Stahl und verhält sich wie Stahl. Egal was man mit Stahl macht, wenn ich etwas von dem einem zuviel hineinpacke geht es immer auf Kosten von etwas anderem. Sobald ich Chrom hineinpacke in einer Höhe von über 12 % wird der Stahl weitgehendst korrosionsfest, aber nicht automatisch besser. Besser allerdings für seine ursprüngliche Bedeutung, als spezielle Maschinenbauteile, egal ob in Industrie, Luft- oder Raumfahrt, aber für eine Klinge? In dieser ihm ursprünglich zugedachten Verwendung sind sie auch in sehr hartem Zustand, also jenseits von HRC 60, hervorragend.
Es gibt leider immer noch keinen perfekten Stahl, die einen, ganz jovial gesagt rosten und haben eine sehr gute Schneideigenschaft, die anderen rosten nicht und haben eben eine mittelmäßige Schneideigenschaft. Wenn man der Wissenschaft glauben darf, kein bis jetzt entwicketer Stahl hat eine derart feine Schneide wie Weißpapierstahl aus Japan, aber leider rostet der auch.
Wie dem auch sei, wir werden uns auch weiterhin immer arrangieren müssen. Ob ich ein Strider aus s30v oder aus sonst einem PM-Stahl habe, es ist letztendlich egal und hängt vom jeweiligen Befürworter des jeweiligen Messerstahls ab. Es wundert mich eigentlich daß diese Firmen nicht auch einmal klassische Stähle für ihre innovativen Messerformen benutzen, sozusagen für die unverbesserlichen der Mode verschlossenen Anwender. Ich bin mir sicher, wenn ich ein Messer kaufe daß ein paar hundert Euro kostet, daß ich diesem auch die entsprechende Pflege zukommen lasse.
Ich bin auch im Besitz von Messern die Klingen aus PM-Stählen haben, aber besser schneiden als ein gewöhnlicher Stahl tun sie nicht und länger halten sie die Schneide auch nicht. Aber alles egal, wir werden uns weiterhin über diesen oder jenen Stahl unterhalten, diskutieren und auch streiten, wo bliebe denn sonst der Spaß bei der Sache. Vor allem, wenn wir nicht weiterhin kritisch sind und immer wieder neues fordern, dann setzen sich diese Stahlerfinder auf einmal zur Ruhe und erfinden vielleicht nicht irgendwann den Stahl auf den wir alle warten.
Viele Grüße
Roman