Um die WB-"Komplexizität" noch um einen nicht unwichtigen Punkt zu erweitern, der gar nichts mit der eigentlichen WB, sondern mit der Intention des Herstellers zu tun hat:
Letztes Jahr auf der IWA habe ich mich mit Howard Viele* genau über das Thema unterhalten. Ansatzpunkt oder Aufhänger war mein UKPK mit S30V Klinge. Der Stahl ist bekanntlich "rostfrei" legiert. Nur hatte er irgendwann mal pitting angesetzt, trotz "Pflege" - also Trockenputzen nach Gebrauch. Die konkrete Frage war: "Worauf seid Ihr eher aus? Zähigkeit oder Korrionsfestigkeit?"
Er sagte: "wenn dein UKPK pitting hatte, dann wird es wohl auf Zähigkeit ausgelegt sein" - er fand die Frage interessant, weil er selbst darüber wohl nie speziell nachgedacht hatte und konnte es auch nicht definitiv sagen, er wusste die Härte nicht. Das UKPK ist auch nicht sein Baby, Eric hatte gerade selbst Kunden, sonst hätte ihn als Entwerfer gefragt.
Was vllt. nicht so bewusst in den Köpfen der Benutzer steckt, ist, dass verschiedene Hersteller, manchmal u.U. auch ein Hersteller dieselbe Legierung unterschiedlich härten lässt, wegen unterschiedlicher Gebrauchsspezifikation der jeweiligen Serie. Ich nehme z.B. Klappmesser und feststehende Messer aus einer Legierung. Es kann durchaus sein, dass ein Hersteller für diese Messer verschiedene Härtewerte anpeilt, um verschiedene, typische Gebrauchsanforderungen besser zu erfüllen. D.h., das UKPK ist eher auf Zähigkeit ausgelegt, während ein Fixed ich sach mal das Mule aus dem Stahl evtl. eher auf Korrosionsbestand ausgelegt ist - ist nur als Beispiel, ich kenne den Härtegrad eines Mule aus S30V nicht. Falls es das überhaupt gibt...
Das UKPK hätte "nur" 57HRC aber das Mule z.B. 60HRC - durch diese andere WB für andere Zweckbestimmung sind zwei grundverschiedene Eigenheiten entstanden, was damit auch verschiedene Gefügebilder und Belastungsdiagramme ergeben würde. Es bedeutet aber keineswegs, dass die WB nun bei dem einen besser oder schlechter wäre. Denn der Stahl gibt durch seine Legierung beides her und mit den Klingen kann man trotzdem schneiden und arbeiten. Ob es dem Benutzer deutlich spürbar auffallen würde, ist noch was anderes, beim Nachschärfen ganz sicher...
Auch deswegen kann man sich die nicht-ultimative Aussagekraft solcher "Vergleiche" vllt. besser vorstellen, weil es viele denkbare Kombinationen gibt, nicht nur innerhalb einer Legierung, sondern auch innerhalb eines Herstellers. Nun gibt es aber viele Hersteller, die deutlich mehr als als nur eine einzige oder drei ähnliche Legierungen verwenden...
* Designer und Messermacher, arbeitet oft mit/für Spyderco - nur falls das jemand nicht weiß.
Gruß Andreas