Nach der „Kritik an der Kritik“ nun mal ein paar kritische Überlegungen zum Messer selbst, durchaus auch aufbauend auf dem „Review“ von Kristof, der ja AUCH Nachvollziehbares geschrieben hat:
Als ich das „Ranger“ erstmals sah, habe ich es nicht erkannt – ich habe es für ein Benchmade Nimravus gehalten, oder die Blackwater-Variante davon. Eventuell für eine neue „vereinfachte“ Modellvariante mit flachem und attraktiv griffigem G10-Griff (was ja kein Nachteil wäre..).Insgesamt müssen die Gestalter des Nimravus und des Ranger jedenfalls eine Menge gleicher Erwägungen gehabt haben – die Resultate sprechen dafür. Nur: Gehen die auf?
Das Ranger will primär als Werkzeug gestaltet sein, das wird ausdrücklich dargestellt. Folgerichtig wäre eine möglichst hohe Spitzenstabilität erstrebenswert, Kriterien der Fightereignung müßten hinter denen der Werkzeugeignung konsequent zurückstehen.
Trotzdem wird die Klinge nach vorn erheblich ausgedünnt, die Spitze wird eingemittet, eine obere Schor (Fehlschärfe) wird einer vollen Rückenstärke vorgezogen. Das alles soll sich offenkundig auf einen gleichmäßigen Stichverlauf und eine möglichst gute Penetrationsleistung auswirken, insbesondere bei sehr schnellem, dynamischem Vorgehen. Das sind aber überwiegend Fighterkriterien, während ich im Werkzeugbereich selbst die Spitze eines viertelzölligen und bis knapp vor der Spitze gleich starken Strider-„Brecheisens“ mit American-Tanto-Spitze ohne Einmittung durch Karosserieblech hindurchbekomme. Abkippen und Auswandern der Klinge sind für normale Werkzeugfunktionen bei der Penetration eher nicht das Problem.
Andererseits wird die obere Schor des „Ranger“ eben nicht angeschliffen. Wie im vorigen Beitrag beschrieben, reduziert diese Gestaltung insgesamt die Durchstichleistung (vielleicht nachvollziehbarer erklärt als bei Kristof) im Fighterbereich, will aber auch auf eine die Belastbarkeit bei Werkzeugverwendungen einschränkende Ausdünnung der vorderen Klinge nicht verzichten.
Das ist imo ein schlechter Kompromiss…
Bei der ausgedünnten Spitzengestaltung kann man sich auch fragen, welchen Statikvorteil dann eine American-Tanto-Spitze bringen soll, insbesondere im Vergleich mit herkömmlichen stabilen American-Tanto-Modellen. Beim Nimravus konnte man da wenigstens noch zwei Antworten finden:
1. Es sieht cool aus
2. Man gewinnt eine Sekundärspitze, die der schärfste Punkt des Messers ist und hervorragend zum Auftrennen flächigen Schneidguts taugt. Wer schon mal Kartonnagen oder Planen mit einer Tanto-„Unterspitze“ geschnitten hat, wird das verstehen.
Zieht man aber wie beim Ranger einen vorn angebrachten Wellenschliff bis unmittelbar zur Sekundärspitze vor, werden präzise Werkzeuganwendungen prekär, dafür gewinnt man eine reißende Unterspitze, die wiederum bei einem Fighter ganz interessant wäre, nicht jedoch bei einem Gebrauchsmesser…
Dies leitet zum hervorstechendsten Diskussionspunkt beim Ranger: der Position des Wellenschliffs.
Beim Nimravus sitzt der hinten, beim Blackwater oben. Man könnte fast den Verdacht bekommen, die Position beim Ranger sei eher eine Frage der Abgrenzung als eine der Überzeugung der Funktionalität.
Es mag durchaus einzelne Anwendungen geben, bei denen diese Position gute Wirkung erzielt – aber die meisten Anwender werden bei den meisten Schneidaufgaben damit eher schlechter fahren als bei einer anderen Positionierung. Gerade DEN Bereich, mit dem man normale Schneidaufgaben sehr häufig erledigt, mit einer „Sonderfunktion“ zu belegen, wird viele Anwender eher nicht erfreuen.
Persönlich würde ich eine Position auf dem Klingenrücken – wie beim SOG Pentagon oder beim GTK – absolut vorziehen.
Kristofs Ausführungen zum Hacken kann ich ziemlich nachvollziehen.
Die Position der Daumenriffelung ist übrigens auch wieder eher auf die bei Werkzeugfunktionen seltenere Unterstützung bei der Penetration im Säbelgriff gemünzt als auf eine Schneidunterstützung durch Auflegen des Daumens auf den Klingenrücken unter Druck nach unten und Zug nach hinten – sonst müßte in der Tat die Riffelung auf der anderen Seite des PE angebracht sein…
Insgesamt überzeugt mich das „Ranger“ als Allrounder mit primärer Werkzeugfunktion deutlich weniger als viele Mitbewerber.
